Ein böses Vorurteil bestätigt sich: Juristen können nicht rechnen.

Auch Discounter müssen Geld verdienen. Lustigerweise sind die Eigentümer der angeblichen Billiganbieter Aldi und Lidl unter den 10 reichsten Deutschen. Billig kann sich also rechnen, aber nur für wenige und nicht für´s Bodenpersonal. Laut FTD machte Juraxx mit 140 Anwälten im Jahre 2006 6.5 Mio. Euro Umsatz. Macht je Anwalt 46.428 Euro pro Jahr. Das deckt ganz sicher gerade mal die Kosten je Anwalt im Juraxx-Verbund. Offenbar nicht einmal das, aber wir wissen ja nicht, was so an Kosten anfallen, z.B. was ein Geschäftsführer von Juraxx verdient.

Richtig peinlich wird die Sache erst durch zwei Gesichtspunkte:

Peinlichkeit Nr. 1: Eugen Boss hatte auf eine Frage einer Zeitung zum Start des Unternehmens ob sich das Geschäftsmodell denn rechnen werde, sinngemäss geantwortet, für einen im jeden Fall, nämlich für ihn. Das Geschäftsmodell unterscheidet sich damit leider in nichts von anderen unpartnerschaftlichen und intransparenten Geschäftsmodellen aus den Zeiten der Internetblase, bei denen sich zuerst die Gründer die Taschen vollmachen nach dem Motto: wenn´s nicht hinhaut, haben wir wenigstens Geld verdient. Wer sich über die New Economy Rituale näher informieren will, dem sei dieses Buch empfohlen: “Wie wir waren. Die wilden Jahre der Webgeneration.” Der Unterschied: Die Dotcoms haben mit der Burning Rate prahlend das leicht(fertig) weggegebene Geld von Intubatoren und Investoren verbrannt. Herr Boss verbrennt das geliehene Geld von Junganwälten.

Natürlich gibt es auch andere Meinungen. Der bloggende Kollege Michael Weller dankte bei seinem Ausscheiden dem “unermüdlichen Einsatz” von “Seniorpartner” Boss. Mal schaun, ob er sich wie ein Seniorpartner verhält oder wie ein Kopierer der New Economy.

Peinlichkeit Nr. 2: Kurz vor den Negativschlagzeilen in Sachen Juraxx hatte die FTD noch einen “Jubelartikel” in Sachen Juraxx veröffentlicht, der sogar die Testergebnisse unvollständig und damit falsch wiedergab. Nicht zuletzt deshalb steht hier der Verdacht im Raum, dass die FTD sich für eine journalistisch aufbereitete Pressmitteilung hergegeben hat. Die Testergebnisse der Stiftung Warentest waren alles andere als akzeptabel. Nicht umsonst titelte die Stiftung “Flott und falsch” (zum Testergebnis hier).

Das Konzept mit dem Lockvogel billiger Erstberatung Mandanten in eine Kanzlei zu locken, ist gescheitert. Eine kaufmännisch versierte Mandantin von mir bemerkte dazu nur: “Wie könnte ich Ihnen vertrauen, wenn Sie mir nach der Beratung zur Klage raten, wenn ich das Gefühl hätte, Sie hätten bei der Beratung selbst nichts verdient?” Wirklich intelligent dagegen ist das zuletzt von Juraxx verkündete Konzept der zentralisierten Kompetenzen (allerdings mit dem fast schon albernen Beispiel des Pferderechtsspezialisten vorgestellt), die jedem Mandanten lokal zur Verfügung gestellt werden können.

Michael W. Felser
Rechtsanwalt
Felser Rechtsanwälte und Fachanwälte

Warum Juraxx nicht funktionieren konnte oder Judex non calculat
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4 Kommentare

  1. HansImhof
    8. Juni 2007 10:18

    Judex non calculat heißt der Rcihter rechnet nicht und bedeutet auch nicht das er nicht rechnen kann, sondern dass er nicht rechnen will.
    mfg
    Hans Imhof

  2. RA Felser
    8. Juni 2007 10:46

    Danke für den freundlichen Hinweis. Der Spruch „Judex non calculat“ wird auch scherzhaft gebraucht, wenn Juristen sich verrechnen 1). Das ist jedenfalls die herrschende Meinung, denn für die humorvolle Auslegung darf dem Volk auf den Mund geschaut werden. Diese nicht ganz am Wortlaut klebende Auslegungsvariante dürfte aber auch als „gerichtsbekannt“ durchgehen.

    Um der ebenfalls den Juristen vorgeworfenen Fussnotitis gerecht zu werden (selbst das BVerfG zitiert ja inzwischen Internetquellen)2):

    1) so http://www.lexexakt.de/glossar/judexnoncalculat.php
    2) siehe dazu den Beitrag im JuracityBlog, http://blog.juracity.de/2007-02-05/bverfg-blogs-werden-salon-pardon-zitierfaehig.html

    MfG

    Michael W. Felser